Hilfe/Links

Wer hilft mir?

Mit wem kann ich darüber sprechen?

 

Die ersten Fragen, die Eltern nach dem Coming-out des Kindes in den Sinn kommen, bringen die Unkenntnis über das Leben von Lesben und Schwulen zum Ausdruck. Das eigene Kind ist meistens nicht der richtige Ansprechpartner, wenn Eltern die Fragen stellen wollen, die ihnen jetzt am Herzen liegen. Aber mit Freunden oder Verwandten wollen sie auch noch nicht darüber sprechen. So wenden sie sich in ihrer Not an Ärzte, Seelsorger, Therapeuten, die Telefonseelsorge oder auch an BEFAH, das Bündnis der Eltern, Freunde und Angehörigen von Homosexuellen , und machen dabei meistens positive Erfahrungen.

 

 

Erste Gespräche

  • Mit der Telefonseelsorge: Die Frau am Telefon reagierte sehr gut. Erst einmal versuchte sie mich zu beruhigen. Schwul sein sei wirklich nicht so schlimm. Man könne nichts dagegen tun, und das einzige, was mir helfen würde, sei, mit Menschen darüber zu reden; versuchen, es zu akzeptieren. (Hassenmüller, Wiedemann, Warum gerade mein Kind?, S. 65;
  • Mit einem Psychologen der homosexuellen Beratungsstelle: Und ich bin sehr dankbar, dass es ihn gegeben hat (den Psychologen, D. M.), ich habe in den drei Stunden, die er das angehört hat und ganz wenige Fragen gestellt hat und uns ganz wenige Dinge zum Schluss gesagt hat, so viel gelernt und so viel Stabilisierung gehabt, dass ich überhaupt erst mal den nächsten Tag überstehen konnte. Schmidt, Homophobie, S. 87)
  • Mit Eltern homosexueller Kinder: Niemand ist kompetenter als Eltern, die diesen Weg gegangen sind. Sie haben die erlebte Kompetenz, sie wissen am besten, welche Fragen Eltern bewegen. Viele Eltern berichten, dass es ihnen sehr gut getan hat, mit anderen Eltern erste Gespräche geführt zu haben und dann eine Elterngruppe zu besuchen. Im Austausch mit anderen Betroffenen konnten sie über ihren Kummer und ihre Sorgen sprechen und gewiss sein, verstanden zu werden. So konnten sie das eigene Leid im Vergleich mit den Erfahrungen der anderen auch wieder relativieren. Von anderen Eltern konnten sie erfahren, wie diese mit ihren lesbischen Töchtern und schwulen Söhnen umgingen und wie sie allmählich lernten, die sexuelle Orientierung ihrer Kinder zu akzeptieren. Unsere Elterngruppen finden Sie hier.
  • Informationen aus Büchern, Filmen und Internet: Manche Eltern wollen zunächst erst für sich mehr Klarheit gewinnen, bevor sie sich anderen Menschen anvertrauen. Inzwischen gibt es recht gute Bücher, die dabei helfen können: Erfahrungsberichte und Interviews mit Eltern homosexueller Kinder, aber auch Romane für Erwachsene oder für Kinder und Jugendliche.

 

weiterführende Links

Eltern "Coming Out"

Coming out der Eltern

 
Es bleibt ganz allein Sache der Eltern, zu entscheiden, wem sie sagen wollen, dass ihr Kind homosexuell ist. Und es ist gut, wenn sie dabei in erster Linie auf ihr eigenes Wohlbefinden achten. Solange Eltern selbst noch sehr verletzt sind, kann sie eine Reaktion von Verwandten oder Freunden, die vielleicht nicht einmal böse gemeint, sondern nur ein Ausdruck von Unsicherheit ist, für lange Zeit davon abhalten, sich anderen Menschen gegenüber zu öffnen:
  • Ich habe in den letzten acht Jahren beinahe täglich daran gearbeitet, die Veranlagung
  • meiner Söhne zu akzeptieren, aber ich habe wirklich keine Lust, sie gegenüber anderen verteidigen zu müssen. (Hassenmüller, Wiedemann, Warum gerade mein Kind?, S. 70)
  • (...) Ich möchte mich nicht verletzen lassen. Ich habe einmal die Erfahrung gemacht, bei Freunden (...). Da hieß es: "Ach Gott, das ist ja furchtbar! - Wollen wir nicht morgen ins Kino gehen?" Es wird nicht drüber geredet, es wird zur Kenntnis genommen. Und das trifft einen. (...) Es wurde nie wieder gefragt, das Thema ist auch für die Freunde abgelegt, es ist tabu, redet man nicht drüber. Am besten ist, man weiß es gar nicht. Von daher habe ich für mich jetzt zugemacht, nach außen hin. Ich werde wohl dahinter stehen, dass es den Leuten (homosexuellen Frauen und Männern D. M.) besser zu gehen hat, aber ich würde nie erzählen, dass mein Sohn schwul ist. (Schmidt, Homophobie, S. 90)

Dieses gekränkte Verstummen kann auf Dauer die Freundschaften kosten und in die Isolierung führen, wie bei dieser völlig verzweifelten Mutter:
  • Auch wenn es schrecklich klingt, manchmal denke ich, es wäre einfacher, wenn H. gestorben wäre. Dann könnte ich offiziell um ihn trauern. Dann hätte ich das Verständnis und Mitgefühl meiner Familie. So habe ich meinen Sohn auch verloren, aber niemand weiß es. Nur er und ich. Und immer muss ich so tun, als wäre alles in Ordnung. Ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalte. (Hassenmüller, Wiedemann, Warum gerade mein Kind?, S. 36)

Eine andere Mutter, der es auch schwer fällt, über die sexuelle Orientierung ihres Sohnes zu sprechen, versucht sich selbst zu überzeugen, dass sie es trotzdem wagen sollte:
  • Man muss und soll darüber reden. Dann kann man vielleicht auch die Angst abbauen. Die Angst, was die lieben Nachbarn und natürlich die Verwandten sagen. (Hassenmüller, Wiedemann, Warum gerade mein Kind?, S. 139)

Aber nicht nur aus diesem Grund ist es auf Dauer besser, wenn Freunde, Bekannte und Kollegen wissen, dass der Sohn schwul oder die Tochter lesbisch lebt. Denn wie oft wird im Alltag über die Kinder gesprochen, wird gefragt, was aus ihm oder ihr geworden ist. Wie gern würden auch Eltern von Lesben und Schwulen nicht nur von den beruflichen Erfolgen ihrer Söhne und Töchter, sondern auch von denen der Schwiegersöhne und Schwiegertöchter berichten, von der schönen Wohnung, die das junge Paar sich eingerichtet hat und vielleicht auch vom Engagement für gleiche Rechte. Wie gern wären auch Eltern von Lesben und Schwulen ganz offen stolz auf ihre Kinder!
Die Eltern, die ihr Coming-out gegenüber Freunden und Bekannten gewagt haben, berichten durchweg über positive Erfahrungen. Dass vielleicht trotzdem hinter ihrem Rücken getratscht wird, halten sie für möglich, aber das kümmert sie wenig. Natürlich können nicht alle Eltern so mutig sein wie jener Vater, der am Stammtisch, als dort über Schwule hergezogen wird, einfach sagt: "Ich habe zwei lesbische Töchter, und das sind zwei ganz prima Mädchen", worauf alle betreten schweigen. Später spricht ihn ein Stammtischbruder an und bedankt sich für seinen Mut. Es stellt sich heraus, dass dieser einen schwulen Sohn hat und noch nie mit jemandem darüber sprechen konnte (vgl. Hassenmüller, Wiedemann, Warum gerade mein Kind?, S. 50/51)
Auch sind sicher nicht alle Eltern so schlagfertig wie die Mutter einer lesbischen Tochter, die in einem kleinen Dorf wohnt und ihre Nachbarin einmal ganz schön zum Nachdenken bringt:
  • So sagte einmal eine Nachbarin zu mir: "Also, ich kann mir gar nicht vorstellen, was zwei Frauen im Bett treiben!" Darauf sagte ich nur: "Ich kann mir auch nicht vorstellen, was Sie mit ihrem Mann im Bett treiben!" Erst sah sie mich konsterniert an, dann musste sie lachen: "Ja", gab sie zu, "das geht eigentlich niemanden etwas an." (Hassenmüller, Wiedemann, Warum gerade mein Kind?, S. 133)

Bei den Verwandten, zu denen auch das lesbische oder schwule Kind eine eigene Beziehung hat, ist die Entscheidung über die Eröffnung nicht mehr allein Sache der Eltern. Manchmal versuchen Eltern ihr Kind davon abzuhalten, "es" der Oma oder der Tante zu sagen und behaupten, "das" würde sie umbringen. Die tatsächlichen Reaktionen sind oft
weit weniger dramatisch: So meinte eine der Großmütter, die auf diese Weise geschont werden sollten, als sie schließlich doch erfuhr, dass ihr Enkel schwul ist: "Na und?" Eine andere Großmutter fragte ihre lesbische Enkelin neugierig, ob denn zwei Frauen miteinander auch einen Orgasmus bekommen könnten...
Auch die Verwandten, Bekannten und Freunde merken ja, dass sie immer noch denselben Menschen vor sich haben, der jetzt eben zufällig eine andere sexuelle Orientierung hat, als sie erwartet haben. Wenn sie diesen Menschen vorher mochten, werden sie sicher ihre Vorurteile gegen Homosexuelle eher abbauen, als diesen Menschen und seine Eltern abzulehnen.

Elternerfahrungen: Gefühlschaos

"Ich weiß, dass ich es akzeptieren müsste..."

 
Solange das Coming-out ihres Kindes für die meisten Eltern aus heiterem Himmel kommt, lässt es sich nicht vermeiden, dass sie auf die eine oder andere Weise "fassungslos" reagieren. Das ist menschlich. Moralisierende Aussagen darüber, wie man sich hier verhalten sollte, helfen überhaupt nicht weiter. Wir sollten uns von dem völlig überhöhten Anspruch verabschieden, in dieser Situation "richtig" zu reagieren. Hier sind alle Beteiligten überfordert. Es ist unfair, an den Reaktionen in einer solchen Situation zu messen, wie gut das Verhältnis zum eigenen Kind ist, ob man sein Kind genug liebt.
Aus Angst, ihr Kind könnte sich ganz von ihnen abwenden, schlucken viele Eltern ihre ersten negativen Gefühle hinunter oder verbergen sie vor ihrem Kind. So kommen sie selbst nicht dazu, die Trauer über das, was ihnen durch die neue Situation genommen wird, wirklich zuzulassen, an deren Ende vielleicht das Akzeptieren stehen könnte. Und auch der Kontakt zu ihrem Kind bleibt weiterhin gestört, so sehr sie sich auch bemühen, sich nichts anmerken zu lassen:
  • Ich weiß, dass ich das müsste (die Homosexualität des Sohnes akzeptieren, D.M.), und ich gebe mir auch Mühe, aber das ist eigentlich mehr eine Rolle, die ich dann spiele.
  • (Ansonsten) würde er ja merken, dass es mir völlig gegen meine Natur geht. Dann würde er wahrscheinlich nicht mehr kommen. Manchmal fühle ich mich besser, wenn ich weiß, er ist weit weg. Ja, dann verlieren Sie ja ihr Kind! Dann würde er ja nicht mehr nach Hause kommen, dann sind Sie ihr einziges Kind los. Das gibt's ja in vielen Fällen.

Elternerfahrungen: Vorwürfe

Dass du uns das antun kannst!


Neben der Weigerung, das Gehörte an sich heran zu lassen, dem ersten lauten oder stummen "Nein" und der fieberhaften Suche nach einer plausiblen Erklärung, die meist zur Suche nach dem Schuldigen wird, spielt natürlich auch Wut eine Rolle bei der ersten Reaktion auf die Eröffnung, dass das eigene Kind lesbisch oder schwul ist. Wut auf die Person, die die "schlechte Nachricht" überbringt - und das ist ja meist der Sohn oder die Tochter selbst -, Wut über Zeitpunkt, Ort oder Art und Weise der Mitteilung, die als besonders rücksichtslos empfunden wird, Wut auf den Partner oder die Partnerin, die so ganz anders reagieren, als man selbst es für richtig gehalten hätte, Wut natürlich auch über das, was einem durch diese Eröffnung kaputtgemacht wurde.
  • Als ich C. fragte (ob sie lesbisch sei), nach dem Gespräch mit ihrem Lehrer, und sie Ja sagte, da hatte ich für einen Moment das Gefühl, sie ist nicht mehr meine Tochter. So will ich meine Tochter nicht. Und das war am schlimmsten dabei. Dass ich gefühlt habe, es kann auch sein, dass ich meine Tochter nicht lieb hab. Dass ich sie ablehne. Ganz stark ablehne, wenn sie so ist. Dann gehört sie nicht mehr zu meiner Welt.
Mir wäre es lieber, du bist unglücklich und normal
  • Ich sagte doch, dass für so einen kein Platz in meinem Hause ist. Daran ändert die Zeit nichts. Ich bin nur froh, dass er rechtzeitig abgehauen ist. Sonst hätte das hier noch übel werden können. Ich meine, ich bin ein friedlicher Mensch, aber meinen guten Namen, den lasse ich mir nicht nehmen.(...) Für mich ist er gestorben.
  • Das war etwas, was ich mit mir selbst abmachen musste. Aber ich erinnere mich, dass ich am nächsten Tag, als ich meine Meißner Porzellansammlung abstaubte, nur mit Mühe den Wunsch unterdrücken konnte, alles gegen die Wand zu werfen. All die schönen Dinge bedeuteten mir plötzlich nichts mehr.
  • Dann habe ich, was mich furchtbar bedrückt, ganz furchtbar reagiert, dann kamen dann so Sachen, da wollte er mich denn so in den Arm nehmen, da habe ich ihn weggestoßen und gesagt: "Fass mich nicht an!" (Roggenkamp, Von mir soll sie das haben?, S. 158; Hofsäss, Homosexualität und Erziehung, S. 55; Hassenmüller, Wiedemann, Warum gerade mein Kind?, S. 101/103 u. 138; Schmidt, Homophobie, S. 82)

Elternerfahrungen: Warum mir?

Warum geschieht das ausgerechnet mir?

 
Nach diesem ersten Schock setzt sich bei vielen Eltern ein "Gedankenkarussell" aus Schuldgefühlen, Selbstvorwürfen und Vorwürfen gegenüber dem Kind in Gang. Eltern stellen sich Fragen wie:
  • Was ist die Ursache?
  • Wer oder was ist schuld?

Auch wenn sich die Suche nach dem Schuldigen oft sogar gegen sie selbst richtet, ist diese Art der Verarbeitung offensichtlich immer noch leichter zu ertragen als zu akzeptieren, dass irgend etwas einfach so ist, wie es ist. Es ist gut zu verstehen, dass Eltern zuerst wissen wollen, warum ausgerechnet ihr Kind lesbisch oder schwul geworden ist. Und meistens suchen sie dann die "Schuld" dafür bei sich selbst:
War ich als Mutter ein negatives Rollenvorbild?
  • Ich möchte wissen, was in meiner Erziehung verkehrt gegangen ist. (...) Ich hätte als Vater sein Rollenvorbild sein sollen, aber anscheinend habe ich versagt. Sonst würde mein Sohn heute nicht denken, er sei ein Homo. Und das ist für mich eine bittere Pille. (...) Womöglich denkt man noch, er hätte die Veranlagung von mir! Aber wie soll ich mich für etwas rechtfertigen, das ich selbst nicht begreife? Ich habe mein Bestes getan, um S. zu einem brauchbaren Mann zu erziehen. Habe ihn auch mal in den Arm genommen. Aber das kann ja nicht schädlich sein! Und doch zermartere ich mir seit einem Jahr den Kopf und komme einfach nicht weiter. Warum gerade mein Sohn? Das frage ich mich jeden Tag aufs Neue!
  • Ich habe mir lange Zeit Vorwürfe gemacht, ob es an meiner Erziehung lag, dass N. "so" wurde. Ich neige in allem zum Perfektionismus, und das habe ich möglicherweise auch auf N. übertragen. Vielleicht ist es ihre Art der Rebellion, sich dem Bild der perfekten Tochter zu entziehen.
  • Manchmal habe ich schon gedacht, ob er irgend so einem versauten Kerl in die Hände gefallen ist. Dass der ihn umgepolt hat. Aber dann hätte ich doch etwas gemerkt. Ich meine, man merkt einem Kind doch an, wenn da etwas schief läuft. Nee, ich glaube, er ist so geboren. Wir brauchen uns keine Schuld zu geben.
  • Dann fingen wir an, uns selbst zu beschuldigen. Wir hatten wohl etwas falsch gemacht. Alice meinte, ich hätte mich nicht genügend durchgesetzt, und sie glaubte, sie wäre zu bestimmend gewesen.
  • (Hassenmüller, Wiedemann, Warum gerade mein Kind?, S. 26, 127, 94, 103; Bass, Kaufman, Wir lieben, wen wir wollen, S. 126)

Erfahrungen: Eine Welt bricht zusammen

Für mich brach eine Welt zusammen


Wenn Eltern von ihrem Kind erfahren, dass es lesbisch oder schwul ist, bricht zuerst einmal ihr ganzes Weltbild zusammen. Sie reagieren mit Schock, sie versuchen sich zu schützen, indem sie sich weigern, das Bedrohliche zur Kenntnis zu nehmen. Ihre erste Reaktion kann sein, dass sie nur noch NEIN!!! schreien können. Eltern beschreiben dieses erste "Nein!" auf unterschiedliche Weise. Sie sprechen darüber, wie sehr die "Eröffnung" sie getroffen hat.

So oder ähnlich reagieren die Eltern...
  • Für mich brach eine Welt zusammen. Alles, woran ich geglaubt hatte, was ich für meine Tochter zu ihrem eigenen Besten gewünscht hatte, fiel in ein großes Nichts.
  • Ich hatte das Gefühl, meine Tochter sei gestorben. Es war, als ob mir jemand mit einem Backstein ins Gesicht schlägt.
  • Ich las den Brief und konnte nur noch weinen. (...) (Die Eröffnung war für mich), als täte sich der Boden unter mir auf. Ich fiel in ein tiefes Loch. Was wusste ich über Schwule?
  • Ist ja auch zum Heulen. Da zieht man zwei Kinder groß, tut alles für die Blagen, und dann wird einer zur Schwuchtel.
  • Das war wie ein Donnerschlag. Es waren überhaupt keine Anzeichen, also er kam immer mit Mädchen nach Hause. Ich habe nur geweint. Ich habe den ganzen Abend geweint, mit meinem Mann hier, und wir hatten auch eine fürchterliche Nacht gehabt. (Hassenmüller, Wiedemann, Warum gerade mein Kind?, S. 93; Hofsäss, Homosexualität und Erziehung, S. 56; Hassenmüller, Wiedemann, Warum gerade mein Kind?, S. 56 u. 101; Schmidt, Homophobie, S. 81/82)
Die Weigerung sich damit auseinanderzusetzen
  • Er muss selbst wissen, was er tut. Ich möchte damit nichts zu tun haben.
  • Das erste halbe Jahr ging mein Mann ihm aus dem Weg. Er musste das einfach erst verarbeiten.
  • Ich weiß, dass sie lesbisch ist, und damit hat sich die Sache erledigt. Für mich. Oberflächlich. Ich bin nicht bereit, das ausführlich mit jemandem (zu erörtern), auch mit meiner Tochter nicht. Mit mir selbst auch nicht. Ich block das Thema immer ab in mir. Das schieb ich beiseite. (Hassenmüller, Wiedemann, Warum gerade mein Kind?, S. 34 u. 77; Roggenkamp, Von mir soll sie das haben?, S. 22)
Oder sie wollen es nicht wahrhaben:
  • (...) aber wieso sagte er, dass er schwul sei? Das war für mich unvorstellbar. Mein Sohn ist ein ausgesprochen männlicher Typ, kleidet sich konventionell, kommt aus einer Familie, in der es so etwas nicht gibt, wieso konnte er schwul sein? Mein Sohn ist ein ganz normaler Mann. Das ist nur eine vorübergehende Phase. Ich bin überzeugt, dass er eines Tages wieder mit einem Mädchen nach Hause kommt. (...) Man muss nur ein wenig Geduld haben.
  • Viele Männer haben eine bisexuelle Phase, aber das geht vorbei. Du musst dich nur endlich darum kümmern, dass da ein paar richtige Mädchen kommen. (...) Ich will einfach nicht glauben, dass mein Sohn ein Homo ist. (Hassenmüller, Wiedemann, Warum gerade mein Kind?, S. 33, 106 u. 126/127)

Rollenverhalten

Sind Lesben männlich und Schwule weiblich?


Schon im Kindergarten gebrauchen kleine Jungen heutzutage das Wort "schwul" als Schimpfwort, wenn sie ausdrücken wollen, dass ein Junge ihnen nicht "männlich" genug ist. Früher wurde dafür noch das Wort "Muttersöhnchen" oder "Heulsuse" verwendet. So lernen Kinder noch bevor sie wissen, was "schwul" bedeutet, eine Verbindung zwischen der Anpassung an die (männliche) Geschlechtsrolle und der sexuellen Orientierung herzustellen. Beides hat aber nichts miteinander zu tun.

Eltern, die nicht allzu überrascht sind, wenn ihr Kind ihnen eröffnet, dass es schwul oder lesbisch ist, berichten oft, ihre Tochter sei früher eher jungenhaft gewesen, sei gern auf Bäume geklettert und habe sich geweigert, Röcke und Kleider zu tragen. Oder ihr Sohn sei immer so zuvorkommend gewesen, habe gern im Haushalt geholfen und sei Prügeleien aus dem Weg gegangen. Andere Eltern können beim Coming-out nicht glauben, was ihr Kind ihnen da erzählt, weil der Sohn "ein ganz normaler Junge" oder die Tochter "so hübsch und in jeder Hinsicht perfekt" war:
  • Wenn ich an ihn denke, dann, wie er früher war: ein lieber Kerl, ein richtiger Junge, immer vorneweg mit dem Mund, aber nie zu frech, ich meine, mir gegenüber. Er war auch kein Muttersöhnchen, wenn Sie das meinen. Er war ein ganz normaler Junge, das ist es ja gerade!
  • Sie ist ein so mädchenhafter Typ, groß, schlank, lange, kastanienbraune Haare, auf der Straße dreht man sich nach ihr um. (...) Sie ist also wirklich kein Mädchen, das keinen Mann abbekommen würde. Sie könnte an jedem Finger zehn haben, wie man so sagt. Und irgendwie finde ich "es" darum noch schlimmer. (Hassenmüller, Wiedemann, Warum gerade mein Kind?, S. 103 u. 92)

Lesbische Frauen und schwule Männer sind Frauen und Männer wie heterosexuelle auch. Es gebe "genug schwule Männer, die sich wie Grobiane und Machos verhalten", schreibt Wiedemann, "und viele heterosexuelle Männer, die sehr einfühlsam und partnerschaftlich sind." (Hassenmüller, S. 82) Homosexuelle und Heterosexuelle unterscheiden sich nur in der Partnerwahl, nicht in ihren Eigenschaften. Aber die Eigenschaften und Interessen aller Menschen gehen weit über das hinaus, was ihnen die eng gesteckten Grenzen der Geschlechterrollen vorschreiben. Und es gibt hier wie dort besonders willensstarke Kinder, die die Anpassung an diese Rollen verweigern, oder auch Eltern, die ihre Kinder unterstützen, wenn sie sich nicht in die vorgegebenen Rollen zwängen lassen wollen.
Es ist also ein Vorurteil, dass Lesben eher männlich und Schwule eher weiblich seien. An dieses Vorurteil glauben aber auch viele Lesben und Schwule selbst, weil sie sich anders nicht erklären können, warum sie sich in gleichgeschlechtliche Partner verlieben. Sowohl in der lesbischen und schwulen Subkultur als auch in Filmen begegnet man Lesben und Schwulen, die dieser Klischeevorstellung entsprechen: "Kessen Vätern" im Herrenanzug und Tunten in Rüschenkleidern, die sich hiermit auch manchmal über Männlichkeits- und
Weiblichkeitsvorstellungen lustig machen, während die anderen Lesben und Schwulen so "normal" aussehen, dass sie nicht wahrgenommen werden. Sehr "weibliche" Lesben und sehr "männliche" Schwule tun sich daher besonders schwer, sich ihre Homosexualität einzugestehen:
  • Lesben haben als Mädchen mit den Jungs Indianer gespielt - ich spielte mit Puppen und am liebsten mit Mädchen. (...) Lesben sind burschikos - ich doch sehr feminin, aber ein "Weibchen" bin ich noch lange nicht. Lesben haben eine dunkle Stimme - ich singe im Sopran. Lesben sind kurzhaarig - ich schminke mich, trage gern Kleider und liebe meine langen Haare, aber spielt das überhaupt eine Rolle? Lesben sind forsch und selbstbewusst - ich bin eher schüchtern und oft verunsichert. (...) Und überhaupt, ich habe mich doch auch in Männer verliebt! (FLUSS, Das lesbischwule Coming-out-Buch, S. 87)

Dass Lesben manchmal so tun, als ob sie Männer wären, hat - neben dem Spaß am Spiel mit den Geschlechterrollen - auch historische und pragmatische Gründe: Ihnen blieb bis vor wenigen Jahrzehnten gar nichts anderes übrig, als sich äußerlich für Männer so unattraktiv wie möglich zu machen oder sich als Männer zu verkleiden, wenn sie einigermaßen unbehelligt von männlichem Begehren ihre Liebe leben wollten. Außerdem mussten sie dann ja auch finanziell von einem Mann unabhängig werden. Sie mussten sich also dafür einsetzen, dass sie berufstätig sein und ohne Mann leben konnten. In den Kämpfen der Frauenbewegungen für Frauenrechte und für die Emanzipation der Frauen spielten Lesben daher zweifellos eine wichtige Rolle.
Da Schwule sich nicht so krampfhaft wie heterosexuelle Männer von allem "Weiblichen" abgrenzen mussten, um von ihresgleichen als richtige Männer anerkannt zu werden, konnten sie zusammen mit der Frauenbewegung in den letzten Jahren dazu beitragen, dass heute auch heterosexuelle Männer sich nicht mehr so streng dem Diktat ihrer Geschlechterrolle unterwerfen müssen. Heute haben auch viele heterosexuelle Männer Freude an lange als unmännlich geltenden Dingen gefunden, auch sie benützen Parfüm, tragen Ohrringe und Kleidung aus feinen und bunten Stoffen. Auch sie dürfen sich mal umarmen und ihre Gefühle zeigen und dürfen im Beruf und zu Hause andere Menschen pflegen und versorgen. So trugen homosexuelle Menschen einiges dazu bei, dass beide Geschlechtsrollen in ihren Möglichkeiten erweitert wurden.

Die Kinsey Scala

Die Skala

Kinsey fand statt dessen heraus, dass "Heterosexualität" und "Homosexualität" keine klar voneinander trennbaren Eigenschaften sind. Homosexuelle und heterosexuelle Betätigungen und psychologische Reaktionen waren in der Bevölkerung so verteilt, wie folgendes Schema zeigt:
 
  • Die KINSEY-Skala ausschließlich heterosexuell überwiegende heterosexuell mit gelegentlichen homosexuellen
  • Gefühlen oder Verhaltensweisen hauptsächlich heterosexuell, mit etwas homosexueller Neigung oder
  • Erfahrung zu gleichen Teilen homosexuell und heterosexuell
  • hauptsächlich homosexuell, mit etwas heterosexueller Erfahrung
  • oder Neigung überwiegend homosexuell mit gelegentlichen heterosexuellen Verhaltensweisen
  • oder Gefühlen ausschließlich homosexuell

Wieviele Homosexuelle gibt es überhaupt?

Homosexuelle sind eine Minderheit, die sich der statistischen Erfassung weitgehend entzieht. Das Merkmal "Homosexualität" steht nicht im Paß. Für Deutschland fehlt bislang eine umfassende sexualwissenschaftliche Erhebung. Dafür wurden in den letzten Jahren in den USA, Großbritannien und Frankreich umfangreiche Untersuchungen über das Sexualverhalten durchgeführt. Die Ergebnisse lassen sich weitgehend auf deutsche Verhältnisse übertragen.
Wissenschaftler vertreten heute die Einschätzung, daß sich in den westlichen Gesellschaften etwa drei Prozent der über 20-jährigen Männer selbst als homosexuell verstehen und damit eine "homosexuelle Identität" haben. Zusätzlich zu den drei Prozent Schwulen weisen weitere drei Prozent der Männer in ihrer Biographie längere bisexuelle Phasen auf oder gehen über einen längeren Zeitraum gleichgeschlechtliche Sexualkontakte ein. Die Verbreitung lesbischer Identitäten ist weniger gut erforscht. US-Sexualwissenschaftler wollen herausgefunden haben, daß gleichgeschlechtliche Sexualkontakte wie auch die Ausbildung "homosexueller Identität" unter Frauen etwas seltener vorkommen als unter Männern. Der Mensch experimentiert gerne. Neben den Homo- und Bisexuellen sammelt auch manch Heterosexueller gelegentlich gleichgeschlechtliche Erfahrungen. Es gibt mehr Homosexualität auf der Welt, als es Schwule und Lesben gibt. Für Sex mit dem gleichen Geschlecht muß man nicht homosexuell sein. Für die Liebe freilich schon.

Wie entsteht Homosexualität?

Wir wissen es nicht!

 

Homosexualität ist ein Aspekt der äußerst vielgestaltigen menschlichen Sexualität. Homosexualität ist den Schwulen und Lesben so selbstverständlich wie der Bevölkerungsmehrheit die Heterosexualität. In allen Kulturen und Epochen der Weltgeschichte findet man Menschen, deren Gefühle und sexuelle Wünsche sich auf das eigene Geschlecht richten. Homosexualität gehört zu den Möglichkeiten des Menschengeschlechts.

 

Frage:

"Wie entsteht eigentlich Homosexualität?"

Antwort:

"Genauso wie Heterosexualität. Und wie die entsteht, wissen wir auch nicht." (Jürgen Lemke, Verloren am anderen Ufer?, S. 18)

"Es gibt so viele Entstehungstheorien der Homosexualität, wie es Forscher gibt, die sich mit dieser Frage beschäftigt haben." (Helmut Kentler in: Wulf, Lust und Liebe, S. 298)

"Solange die Gesellschaft ihren Frieden mit den Homosexuellen nicht macht, solange ist die Erforschung der Entstehungsbedingungen für die Homosexuellen potentiell gemeingefährlich. Das lehrt die Geschichte des Verhältnisses von Wissenschaft und Homosexualität." (Gunter Schmidt, Das große DERDIEDAS über das Sexuelle, S. 127)

 

Gut so...

 

Es ist gut, dass wir nicht wissen, wie Homosexualität entsteht. Denn bisher hat jede Behauptung, etwas darüber zu wissen, dazu geführt, dass versucht wurde, Menschen mit gleichgeschlechtlicher Orientierung zu Heterosexuellen zu "machen". Dies hat viele schwule Männer und lesbische Frauen ihre sexuelle Empfindungsfähigkeit oder gar ihre Liebesfähigkeit gekostet, manche wurden davon psychisch krank, einige wurden grausam zu Tode gequält. Die Annahme, die gleichgeschlechtliche Orientierung sei angeboren, kann beispielsweise die Genforschung auf die Spur eines "Homosexuellen-Gens" bringen, wahrscheinlich mit dem Ziel, dieses Gen auszumerzen oder Kinder mit einem solchen Gen gar nicht erst auf die Welt kommen zu lassen. Wird Homosexualität auf die Erziehung zurückgeführt, liegt es natürlich nahe, sie durch Umerziehungsversuche aus der Welt schaffen zu wollen. Bisher sind alle derartigen Versuche gescheitert. Allenfalls wurden oberflächliche Anpassungsleistungen erreicht. Mit der Behauptung, Homosexualität sei eine Fehlentwicklung, hat sich vor allem die Psychoanalyse hervorgetan, obwohl ihr Begründer Freud schon 1935 in einem Brief an eine Mutter schrieb, Homosexualität sei nichts, dessen man sich schämen müsse, kein Laster und auch keine Krankheit. Es ist nicht abwegig, anzunehmen, dass die spätere psychoanalytische Forschung nur deshalb das Gegenteil behauptete, weil die Forschenden in ihren Praxen nur solche homosexuellen Menschen kennen lernten, die psychische Probleme hatten, und daraus schlossen, alle Homosexuellen seien krank. Logischer Weise hätten sie dann bei ihren heterosexuellen Patienten und Patientinnen mit psychischen Problemen diese Annahme auf alle Heterosexuellen übertragen müssen und deshalb folgerichtig alle Menschen für psychisch gestört halten müssen...

Es ist sehr bedauerlich, dass gerade die Psychoanalyse so immer wieder dazu beiträgt, uralten Vorurteilen gegen Menschen mit gleichgeschlechtlicher Orientierung neue Nahrung zu geben.

Für viele Eltern ist die Vorstellung hilfreich, Homosexualität sei angeboren, da diese Vorstellung sie von Selbstvorwürfen entlastet und sie von dem inneren Zwang befreit, sie müssten etwas gegen die sexuelle Orientierung ihres Kindes unternehmen. Es spricht in der Tat einiges dafür, dass die gleichgeschlechtliche Orientierung schon früh bei einem Menschen angelegt, vielleicht sogar angeboren ist.

Wir wissen auch, dass Menschen, die später gleichgeschlechtliche Liebespartner hatten, schon früh das Gefühl hatten, anders zu sein als andere Kinder ihres Alters und sich oft schon lange vor der Pubertät in Menschen gleichen Geschlechts verliebten, auch wenn sie noch nie etwas über diese Möglichkeit gehört hatten und sie daher auch nicht benennen konnten. Dies haben die groß angelegten Untersuchungen des Kinsey-Instituts bestätigt, durch die folgende Annahmen als Ursachen von Homosexualität widerlegt wurden:

 

So entsteht Homosexualität nicht...

Das Kinsey-Institut (A.P. Bell u.a.: Der Kinsey-Institut-Report über sexuelle Orientierung und Partnerwahl, München 1980) hat nachgewiesen, daß die meisten der bisher versuchten Erklärungen über die Entstehung von Homosexualität falsch sind. So stimmen vor allem die folgenden, von manchen Psychoanalytikern geäußerten Behauptungen nicht:

  • Homosexuelle Männer würden sich stärker mit ihren Müttern identifizieren als heterosexuelle
  • Die Vater-Sohn-Beziehung sei entscheidend für die sexuelle Orientierung
  • Die Geschwister (beispielsweise Genitalspiele mit den Brüdern) hätten Einfluss auf die Ausbildung der Homosexualität
  • Der Wunsch der Eltern, lieber ein Mädchen zu haben, könnte aus ihrem Sohn einen Homosexuellen machen (und ihm daher z. B. das falsche Spielzeug oder falsche Kleidung gegeben hätten).
  • Homosexualität entstehe durch Verführung
  • Homosexualität entstehe durch eine übermäßige Mutterbindung,
  • Schwierigkeiten in der Beziehung zum Vater führten zu Homosexualität,
  • Homosexualität sei eine Folge von Genitalspielen mit Geschwistern.

Warum?

Quälende Fragen

  • Was habe ich falsch gemacht?

  • Was bedeutet das für meine Familie?

  • Kann ich etwas dagegen tun?

  • Warum tut er/sie mir das an?

  • Wie sieht die Zukunft meines Kindes aus?

  • Wie soll ich damit umgehen?

  • Mit wem kann ich darüber sprechen?

 

Auch wir hatten solche Fragen, als wir mit der Realität konfrontiert wurden, dass unser Kind einer Minderheit angehört, die bis vor nicht allzu langer Zeit in unserer Gesellschaft als kriminell oder gar krank angesehen wurde. Auch wir haben dagegen aufbegehrt, dass dies gerade uns passiert. Wir waren voller Trauer, dass unser Kind nicht den Weg gehen kann, den wir uns für unser Kind und für unsere Familie gewünscht hatten.

Uns hat es geholfen, mit anderen betroffenen Eltern darüber zu sprechen. In vielen Städten Deutschlands entstanden Elternselbsthilfegruppen, die sich 1997 zu einem Bundesverband zusammenschlossen: Der Bundesverband der Eltern, Freunde und Angehörigen von homosexuellen Frauen und Männern (BEFAH e. V.).Der sich zum 31.05.2016 aufgelöst hat und die bestehenden Elterngruppen haben sich zum Bündnis der Eltern,Freunde und Angehörigen von Homosexuellen( BEFAH zusammengeschlossen und sind weiterhin tätig.