Uschi Schulze mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet

Uschi Schulze mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet

 

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Die Bremer Senatorin für Soziales, Ingelore Rosenkötter, hat im Auftrag des Bundespräsidenten die Gründerin der Elterngruppe im Bremer Rat & Tat-Zentrum für Schwule und Lesben, Ursula Schulze, mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.

"Mit Ursula Schulze wird eine engagierte Frau ausgezeichnet, die sich aktiv für den Abbau von Vorurteilen gegenüber Schwulen und Lesben einsetzt. Als Gründerin der Elterngruppe im Bremer Rat und Tat-Zentrum hat sie bundesweit zahlreichen Müttern und Vätern geholfen, die Homosexualität des eigenen Kindes anzunehmen und nicht als Makel oder Erziehungsversagen zu betrachten", erklärte die Senatorin während einer Feierstunde im Kaminsaal des Bremer Rathauses.

Ein Video dazu im RTL Regionalmagazin.

Die Rede der Senatorin

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"Herzlich willkommen im Bremer Rathaus. Dieses Haus ist genau der richtige Ort, um das Engagement der Bürgerinnen und Bürger zu würdigen. Und Sie, liebe Frau Schulze, sind seit mehr als 20 Jahren in Bremen und darüber hinaus engagiert. Sie haben sich mit dem von Ihnen geleisteten Engagement aktiv für ein gesellschaftliches Klima eingesetzt, dass es Eltern leichter macht, die Homosexualität des eigenen Kindes anzunehmen und diese eben nicht als Erziehungsversagen anzusehen. Mit diesem Engagement kämpfen Sie aktiv für den Abbau von Vorurteilen. Zu diesem Zweck haben Sie im November 1989 die Gruppe der Eltern homosexueller Töchter und Söhne (die so genannte „Elterngruppe“) im Bremer Rat & Tat- Zentrum für Schwule und Lesben e.V. gegründet. Nebenbei: Sie alle haben das Datum der Gründung gehört… November 1989! Der Monat, in dem die Mauer fiel! Ich finde, das passt zu diesem Thema ganz hervorragend. Denn auch hier geht es darum, Mauern einzureißen – und zwar die Mauern in den Köpfen. Und dass das auch heute noch dringend nötig ist, das können Sie daran sehen, dass wir, dass die drei Stadtstaaten Bremen, Hamburg und Berlin mit unserer Bundesratsinitiative zur Änderung des Artikels 3 des Grundgesetzes eben leider keinen Erfolg hatten – bisher noch keinen Erfolg hatten.

Sie haben damals diese Gruppe gegründet, nachdem Sie erfahren haben, dass Ihr eigener Sohn schwul ist. Nennen wir die Dinge beim Namen: das plötzliche Wissen über die gleichgeschlechtliche Lebensweise des eigenen Kindes war und ist für viele Eltern schwierig und oft mit Problemen verbunden. Sie haben ganz persönlich damals festgestellt, dass es keine Einrichtung und keinen Ansprechpartner gibt, mit dem sie sich über die elterlichen Sorgen und Probleme austauschen können, die nach der – ich nenne das mal – "Offenbarung" des Kindes auftreten und bei fast allen Eltern entstehen. Die Erkenntnis, einen schwulen Sohn oder eine lesbische Tochter zu haben, war und ist für sehr viele Eltern zunächst ein Schock. Zweifel und Fragen wie "was habe ich in der Erziehung nur falsch gemacht?" oder "was werden die Nachbarn und Verwandten wohl denken und sagen?" sind Fragen, die sich Eltern sofort stellen. Dazu kommt das Bewusstsein, wohl keine in Anführungsstrichen so genannte "normale" Familie mit Schwiegersohn und Schwiegertochter und mit Enkelkindern zu bekommen.

Sie, liebe Frau Ursula Schulze, haben gehandelt! Mit Unterstützung des Rat & Tat Zentrums haben Sie eine Selbsthilfegruppe ins Leben gerufen. Der Beginn war –wie so oft – mühevoll. Gerade weil das Thema noch weitgehend tabuisiert war und betroffene Mütter und Väter sich eben gar nicht trauten zu reden. Die Hauptlast lag –wie so oft – am Anfang meistens bei den Müttern, die in Ihnen dann eine aufgeschlossene Ansprechpartnerin fanden. Die Gruppe entwickelte sich – und sie besteht als Selbsthilfegruppe bis zum heutigen Tag fort. Ihre Gruppe eröffnet Eltern einen ehrlichen Umgang mit der Homosexualität ihrer Töchter und Söhne.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, was jetzt kommt, das bezeichnen wir bremisch ganz gerne mit dem Begriff "Bremen und umzu" – oder noch besser mit "buten un binnen": im Laufe der Zeit haben Sie ihr ehrenamtliches und persönliches Engagement über das Land Bremen hinaus ausgeweitet. Sie haben "Entwicklungshilfe" geleistet, sind durch die Bundesländer und durch zahlreiche Städte gereist um dort über ihre Erfahrungen zu berichten und um Mut zu machen, die Vorurteile und Berührungsängste gegenüber Schwulen und Lesben abzubauen.

Die Elterngruppe im Rat & Tat Zentrum hat im November 2009 ihr 20-jähriges Bestehen gefeiert. Sie, sehr geehrte Frau Schulze, haben im Alter von 74 Jahren die aktive Leitung der Elterngruppe an Ihren Nachfolger, Herrn Werner Steinmeyer, übergeben. Zur Ruhe gesetzt haben Sie sich jedoch nicht. Sie sind auch weiterhin beispielhaft engagiert und stehen nun am Beratungstelefon besorgten Eltern zur Seite.

Ihr Engagement ist beispielgebend! Es ist vorbildlich, es verdient höchsten Respekt und höchste Anerkennung. Ihr Engagement würdigt der Bundespräsident mit der Verleihung des „Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.“ Ihnen persönlich, der Elterngruppe und dem Rat & Tat wünsche ich weiterhin alles Gute. Herzlichen Dank!"


Die Rede von Gudrun Held

Rede anlässlich der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Ursula Schulze
Am 09. März 2011 in Bremen


Sehr geehrte Frau Senatorin Rosenkötter,
Liebe Ursula Schulze,
liebe Mitfeiernde!


Auf,  lasst uns nach Bremen gehen!
Das habe ich heute Morgen mit großer Freude und Spannung getan. Der Bundesvorstand der Eltern, Freunde und Angehörigen von Homosexuellen freut sich mit Dir, liebe Ursula, über diese öffentliche Würdigung Deiner Arbeit.
Und ein bisschen stolz sind wir auch, dass Du zu uns gehörst!
Unser Thema: schwul-lesbisches Leben ist in der „Belle Etage“ der Gesellschaft angekommen.
Wie konnte es dazu kommen?

Bremen - da denke ich natürlich sofort an die Bremer Stadtmusikanten, die mir auf dem Marktplatz hier, und auf Postkarten und Werbeplakaten begegnen.
Sie gehören zu Bremen -  und  sie gehören zu Dir, liebe Ursula Schulze und Du gehörst zu den Bremer Stadtmusikanten.
Viel habt ihr gemeinsam.

Vier Tiere - ein Esel, ein Hund, eine Katze und ein Hahn ziehen hier eines Tages in Bremen ein.
So berichtet das Märchen.
Kein Rudel marschiert hier auf,  bei dem alle gleich aussehen und von der gleichen Art sind, alle dasselbe denken, fressen  und tun.
Eher sind es  vier Individualisten.
Was aber verbindet die Vier?
Warum schließen sie sich zusammen, diese vier Tiere,
die sich doch eigentlich gar nicht aufs Fell  und auf die Federn gucken mögen?

Der Esel, der Hund, die Katze und der Hahn
sie   haben alle das gleiche Urteil gehört.
Ein Urteil  verbindet sie.
Das Urteil lautet:  du bist nichts Wert  
Du leistest nichts und trägst nichts zur Produktivität bei.
Du bist nicht so, wie wir das wünschen.
Dich können wir nicht brauchen.
Tod dem, der nichts leistet!
Tod dem, der nicht unseren Vorstellungen entspricht!


Und hier kommst Du, liebe Ursula, in die Geschichte.
Als Dein Sohn sich vor über 20 Jahren outete, da kanntest Du das jahrhundertealte Urteil der Heterogesellschaft:  Schwule und Lesben dürfen nicht sein!
Die sind nicht Gottgewollt,
Die bringen der Gesellschaft keine Kinder ein.
Die sind anders als wir.
Die wollen wir nicht! Die sind pervers.
Tod dem, der nichts leistet für die Gesellschaft!
Tod dem, der anders ist als wir.

Die Hetero-Gesellschaft, zu der wir ja auch gehören, bestimmt, wie Liebe, Verantwortung und Sexualität gelebt werden muss.
Im Jahr 1989 gab es in unserem Land noch immer den § 175.
Und unsere Generation steht ja noch - zumindest  mit einem Fuß -  im Dritten Reich.  Wir wissen um die unsägliche Verfolgung und den Mord an Menschen, die anders liebten als die Mehrheit.
Da zieht sich eine Blutspur bis in unsere Tage. Auch wenn heute nicht mehr das Leben von Lesben und Schwulen ganz direkt  gefährdet ist.
Worte und Schweigen können ebenso verletzen und töten.

Das Urteil aus den Rathäusern damals lautete: die kommen nicht in unsere Standesämter! Unsere Türen bleiben zu.
Und aus den Kirchentüren hallte es: die sollen draußen bleiben.
Unseren Segen kriegen die nicht!

Wie die Tiere im Märchen hast auch Du dies Urteil nicht gelten lassen.
Hast Dich nicht  den Wertvorstellungen der herrschenden Meinung gebeugt.
Da trautest Du eher dem Märchenruf:
„Etwas Besseres als den Tod findest Du überall. Auf, lasst uns nach  Bremen gehen“
Aber das ist ja zuerst einmal  ein sehr einsamer Moment. Und ein sehr einsamer Weg.
Das ist ein immenser Kampf mit sich selbst.
Und es bedarf großen Mut, dem eigenen Urteil, der eigenen Liebe zu seinem Kind Recht zu geben und sich nicht der herrschenden Meinung in Kirche und Gesellschaft unter zu ordnen.
 Welch eine Kraft in Dir!


Die Tiere im Märchen brechen nach dem Urteilspruch auf und brechen aus.

Und - sie suchen und finden einander. Der Esel, der Hund, die Katze und der Hahn, sie ziehen nicht traurig und allein durch die Welt.
Hätten sie das getan, sie stünden ganz sicher heute nicht auf dem Marktplatz hier.

„Etwas Bessres als den Tod findest du überall. Auf, lasst uns nach Bremen gehen!“
Mit diesem Ruf machen sie sich gemeinsam  auf den Weg.
Sie krallen sich aneinander fest, verbinden und verbünden sich gegen den Rest der Welt.
Und die, die angeblich nichts leisten, entziehen sich mit Witz und unter Einsatz der je eigenen Begabungen den vielfältigen Gefahren, die unterwegs auf sie lauern.
Begabungen, die ihre Besitzer nicht gelten ließen, von denen sie nicht einmal etwas wissen wollten.
Diese Begabungen erweisen sich mit einem Mal als Leben rettend.


Es muss mehr geben für mein Kind!  Davon warst Du überzeugt.
In dieser Welt muss Platz und Raum sein für die Vielfalt, auch  der Liebe.
Und so hast auch Du nach anderen „Tieren“  - nach anderen  Menschen Ausschau gehalten.
Wo sind die, die sich nicht dem Diktat der Hetero-Gesellschaft  beugen?
Und  Du hast  Menschen gefunden, denen es genauso ging wie Dir.
Unermüdlich bist Du durch die Lande gezogen. Hast andere Mütter und Väter gefunden, die  erst mal über Schwule und Lesben überhaupt etwas wissen wollten. Und die dann   wie Du für Akzeptanz und Wertschätzung für schwule und lesbische Menschen sich einsetzten.

Das war ein steiniger und dorniger Weg, damals 1989 - das Partnerschaftsgesetz war noch 12 Jahre entfernt.
Die Diskussion über die gleichgeschlechtliche Liebe begann erst mühsam.
Sprache musste erst einmal gefunden werden und über die eigenen Lippen kommen.


Die Tiere im Märchen sind  gegen das Urteil, das über sie gesprochen wurde, aufgestanden.
Sie stellen sich sogar aufeinander - also ganz großer Aufstand.

So aufständig sind sie hier in Bremen  angekommen.
Und sofort  fangen sie laut an zu singen. Das war gewiss keine Arie oder  eine schöne Melodie.
Ihr Schreien, Bellen, Miauen und Krähen verbindet sich zu einem Lebensgesang gegen das Todeslied!
Und dieser Lebensgesang soll gehört werden.
Den schreien sie den Menschen in die Ohren.
Das hast Du mit den Tieren gemeinsam: Du bist hörbar geworden. Gegen das Todeslied der Hetero-Gesellschaft hast Du ein Lebenslied angestimmt.
Akzeptanz und Wertschätzung für unsere Kinder!
Und Du bist gehört worden.
Gott sei Dank!
Zuerst hier im Rat und Tat-Zentrum. Da habt Ihr offene Ohren und eine Anlaufstelle gefunden.
Dann bist Du unermüdlich nach Nord und Süd und Ost und West gereist  und hast Dich für andere Mütter und Väter, die auch gerade vom Coming-out ihrer Kinder erfahren haben,  zum Gespräch zur Verfügung gestellt. Und immer wieder für Akzeptanz und Wertschätzung auch für diese Liebesart geworben.
Und auch wir  Eltern haben uns wie die Bremer Stadtmusikanten aneinander festgehalten. Haben uns Verbündete in der Politik und der Kirche gesucht.  Gemeinsam sind wir stärker und können standfester  gegen das Urteil der Hetero-Gesellschaft auftreten.
Du hast dafür geworben, die sich gründenden Elterngruppen in den verschiedenen Städten zu vernetzen und auch auf Deine Iniative hin wurde 1997 in Hamburg der Bundesverband gegründet.
Immer noch müssen wir schreien und bellen und krähen, damit es uns Hetero-Menschen in den Ohren gellt:
Ihr seid nicht allein auf der Welt! Ihr habt schwule und lesbische Geschwister.
Wir haben von Dir und mit Dir gelernt,  liebe Uschi, dass es sich lohnt, aufzubrechen, den Aufstand zu wagen.
Etwas Besseres als den Tod findest Du überall. Auf, lasst uns nach Bremen gehen!

Eine kleine, persönliche Geschichte, soll erzählen, wie auch durch Deinen Einsatz  das Leben für Schwule und Lesben sich  hier in Bremen verändert hat.
Mein schwuler Sohn,  er wollte  evangelischer Pastor werden, hat 2003 hier in der Bremischen  Kirche Asyl gefunden. Denn in der Hannoverschen Kirche, aus der er kam, hätte er nur sehr versteckt leben können. Und das wollte er nicht.
Auch er hat sich aufgemacht nach Bremen.
Seit vier Jahren ist er Pastor einer Gemeinde und wohnt seitdem mit seinem Partner im Pfarrhaus. Und am 1. Juli werden die Beiden hier im Rathaus und dann in seiner Kirche getraut werden.
Hättest Du das 1989 für möglich gehalten?
Hab Dank für Deinen Einsatz!
Du hast Menschen verändert.
Menschen haben  Lebensraum dadurch gewonnen.
Du hast gegen das Todeslied ein Lebenslied angestimmt.
Und wir werden es weiter singen, schreien und in die Welt krähen – solange es nötig ist!