Rede Gudrun Helds 20 Jahre Elterngruppe Bremen

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Elterngruppe Bremen,

Vielen Dank für die Einladung!
20 Jahre Elternarbeit gilt es zu feiern und zu würdigen. Ich bin gerne gekommen und bringe die Grüße des Bundesverbandes.


Vor 20 Jahren fing hier in Bremen alles an. Eltern waren durch das Coming out ihrer Kinder ins Stolpern gekommen, der Boden wackelte unter den Füßen. Und das ist heute - auch nachdem sich vieles in der Gesellschaft verändert hat - wohl immer noch so.

Aber
es ist gut, wenn der Boden wackelt und wir stolpern und erschüttert werden. Denn das können wir ja schon von dem Märchen lernen. Das Leben geht erst weiter, als der Prinz mit dem gläsernen Sarg über eine Wurzel stolpert. Erst durch die Erschütterung kann das giftige Apfelstück endlich ausgespuckt werden und das Leben des Schneewittchens kann wieder fließen. Das neue Leben blüht auf.
Die Menschheit hat eben nicht nur vom Baum der Erkenntnis gegessen sondern auch immer wieder von den vergifteten Früchten, die durch die Epochen hindurch angeboten wurden.

Und das können wir von dem Märchen weiter lernen: das neue Leben, die neuen Ideen und Lebensentwürfe, sie werden brutal verfolgt. Das war durch die Jahrhunderte so. Die alte Königin ist mitnichten bereit, ihre Herrschaft aufzugeben. Und wie sie kämpfen kann!
Und da wird in den Giftküchen der Welt so allerlei zusammengebraut, damit gleichgeschlechtlich liebende Menschen verachtet, verfolgt und angefeindet werden können.
Ihr Eltern hier in Bremen könnt, wie wir alle, ein Lied davon singen.
Das Gift für unsere Kinder heißt: Lesbische und schwule Menschen sind nicht Gottgewollt, die sind pervers, das darf nicht sein uns so weiter uns so fort.
Und auch wir haben oft genug dieses Gift geschluckt.

Wie gut also, dass Eltern ins Stolpern geraten, wenn der Sohn sagt: ich bin schwul, die Tochter sagt: ich bin lesbisch. Denn nur durch die Erschütterung kann das vergiftete Apfelstück endlich ausgespuckt werden und eine neue Sichtweise kommt in den Blick.

Seit 20 Jahren nun schon wird hier in Bremen durch Euch und Sie für ein selbstbestimmtes Leben der Menschen geworben, das frei unter und zwischen uns leben kann. Seit zwanzig Jahren kämpfen Eltern in Bremen für Gleichberechtigung und Akzeptanz schwuler und lesbischer Menschen. Das war sicher Schwerarbeit, denn 1989 war das Lebenspartnerschaftsgesetzt noch 12 Jahre entfernt und die Diskussion über Homosexualität fing erst mühsam an. Ihr habt sicher noch sehr hautnah erlebt, wie die alte Königin, diese alte Moral und Sichtweise sich brutal gegen neue Einsichten wehrte. Ihr aber seid - wie einst Schneewittchen - mutig in die Welt gegangen. Habt euch gegenseitig getröstet, habt den Weg in Schule und Öffentlichkeit gesucht, und hier im Rat und Tat Zentrum so etwas wie einen Ort der Zuflucht gefunden.
Und in diesem Jahr - auf dem Kirchentag hier in Bremen haben wir Eltern von schwulen Söhnen und lesbischen Töchtern dem Motto des Kirchentages: „Mensch wo bist du?““ die sichtbare Antwort gegeben: Hier sind wir!“

Auf 20 Jahre könnt ihr stolz zurückblicken. Und ich hoffe, wir müssen nicht noch einmal 20 Jahre arbeiten. Aber lasst uns nicht aufgeben. Denn noch immer werden in den Giftküchen dieser Welt die Äpfel, diese Lebensfrüchte, vergiftet. Die alte Königin, die alte Moral, die alte Kirche, sie erstarren, wollen die Schönste sein und bleiben und lassen nichts Neues zu. So ist das
Sagt das Märchen.

Ich traue dem Märchen, dieser uralten Weisheitsliteratur.
Und ich bekomme Hoffnung.
Denn am Ende eines langen Weges mit vielen Rückschlägen und viel Angst - am Ende verheißt das Märchen die Feier des Lebens. Das Alte muss aufgegeben werden; das Leben beginnt neu zu fließen und die Hochzeit kann gefeiert werden. Das erstarrte, beharrende Leben ist grad noch gut genug für den Totentanz. Realistisch erzählt das Märchen davon.

Das macht Mut!
Wir werden gewinnen!
Wir Menschen werden begreifen, dass Schwule und Lesben unsere Geschwister sind.
Lasst uns weiter zusammen daran arbeiten, dass diese Einsicht gelebt werden kann.



Doch
es gibt eine Zeit zu Arbeiten und eine Zeit zu Feiern. Heute ist Feierzeit!
Zum Zeichen dafür bringen wir vom Bundesvorstand diesen Blumenkorb. Noch ist die Rose allein, klein und unscheinbar - aber so fängt Neues eben immer an. Die Perlen erinnern an die Tränen der Vergangenheit. Und ein paar besondere Blüten sollen das Fest gelingen lassen.
Vielen Dank für Eure /Ihre Arbeit!

Gudrun Held