Elterntreffen

Vom 1. bis 3. Mai 2009 fand in Stuttgart das 10. Bundeselterntreffen des BEFAH statt unter der Überschrift "Wir sind da! Nehmt uns wahr! - Eltern erwarten ein besseres Verständnis für ihre lesbischen und schwulen Kinder in der Gesellschaft."

Bericht


Nach der Begrüßung durch die Bundesvorsitzende Gudrun Held eröffnete Stuttgarts Bürgermeisterin Gabriele Müller-Trimbusch das Bundeselterntreffen mit ihrem Grußwort, danach wurden diejenigen der Bundesfamilienministerin Dr. von der Leyen (!, *), der Ministerin für Arbeit und Soziales des Landes Baden-Württemberg, Dr. Monika Stolz MdL, sowie des (ev.) Landesbischofs Dr. h.c. Frank Otfried July verlesen. Als Vertreterinnen des Schweizer Gegenstücks von BEFAH, FELS, überbrachten die Vizepräsidentinnen Brigitte Schenker und Hanni Müller (Vizepräsidentin a.D.) ihre und des Präsidenten Fritz Lehre gemeinsame Grußbotschaft und als Präsent eine "Regenbogen-Kuh", geschnitzt aus Holz vom Genfer See. Danach begann das Tagungsprogramm mit einer Einstimmung mit Referat durch den Stuttgarter Sozialpädagogen und Theologen Hermann J. Bayer. Anschließend stellten noch Frau Ulrike Öztek und Frau Günseli Dum von der Familiengruppe von "Lambda Istanbul" die derzeitige Lage ihrer Gruppe und des Themas in der Türkei und speziell in ihrer Stadt vor. Nach dem gemeinsamen Abendessen gab es reichlich Gelegenheit zum persönlichen Gespräch und Gedankenaustausch.

(*) Beim vorigen Bundeselterntreffen Ende 2007 in Hamburg ließ sich die Frau Ministerin nicht zu einem Grußwort herab (anders als im Frühjahr darauf zum evangelikalen "Christival" in Bremen!); nun aber fand sie sich doch dazu bereit. Man merkt, der Wahlkampf hat begonnen!

Das Programm des Sonnabends, 2. Mai 2009, wurde durch das Referat des Hannoveraner Psychologen Henning Röhrs mit dem Titel "Am Anfang war es Scham ...!" eingeläutet. Röhrs ist vielen Hannoveranern durch seine Beratertätigkeit im ehemaligen Home-Zentrum und nachfolgend in der Beratungsstelle Osterstraße bekannt. Er ermunterte die Anwesenden in bestimmten Arbeitsphasen seines Referates zu - lebhaften ! - Gesprächen auch untereinander und sammelte viele Statements seitens der Eltern und auch einzelner anwesender "Kinder" (bereits erwachsener Söhne und Töchter) ein. - Sören Landmann (einer dieser Söhne) stellte danach kurz das zum Tag der Menschenrechte im vorigen Jahr gegründete "Aktionsbündnis gegen Homophobie" vor (vgl. im Internet unter www.aktionsbuendnis.org), worauf Berichte aus den einzelnen Elterngruppen folgten.

Den Samstagnachmittag eröffnete dann Hermann Bayer mit seinem zweiten Referat (mit Diskussion) "Wie heil machen Heilungstheorien? - Wie erreichen wir Eltern, die diesen Theorien ausgesetzt sind?". Darin wies er unter anderem auch darauf hin, wie verletzend "für uns Lesben und Schwule" die "klassische" (anfängliche) Elternfrage sei "Was haben wir falsch gemacht?", impliziert sie doch, "wir" (Lesben und Schwule) seien falsch. Und er stellt fest: "Erklärungsbedürftig ist nicht die Homosexualität. Sondern vielmehr, warum in unserer Gesellschaft immer noch viele Menschen Schwule und Lesben verachten und anfeinden." - Und weiter: "Dass geschichtlich die traditionellen Weltreligionen und so auch das Christentum in ihrer patriarchalen Phase so viel Homophobie praktizierten, ist doppelt tragisch. Einmal wegen des Leids, das Schwulen und Lesben zugefügt wurde und wird; dann, weil so viel Kreativität, Heilung, Dienen und Lebensfreude den Kirchen und letztlich allen Weltreligionen durch den Ausschluss von offen schwul und lesbisch lebenden Menschen verloren gegangen ist." Und dann zitiert er noch einen anderen Theologen mit dem Satz "Die Integration von Homosexualität [ins allgemeine Bewusstsein von der Conditio humana im Sinne einer "neuen Kultur" - Anmerkung B.K.] ist ein so wichtiger Schritt in der Evolution der Menschheit wie die Abschaffung der Sklaverei, der Rassentrennung und der Kampf um die volle Anerkennung der Frau."

Es folgte Aleksij Urev vom LSVD mit seinem Referat zur Vorstellung des Projekts "Kultursensible Aufklärung in Familien mit Migrationshintergrund". Danach berichteten (wie am Vortag die beiden Türkinnen) weitere ausländische Gäste (ausschließlich Damen) von den Aktivitäten ihrer Gruppen in ihren Ländern, so Irmgard Fischer aus Argentinien, Gudrun Rögnvaldardottir aus Island und Frau Schenker und Frau Müller von BEFAHs Schweizer Partner-Organisation FELS über deren Erfolge und die Lage in der Schweiz:

Frau Fischer, die die erste Elterngruppe in Südamerika gründete, kam durch ihren seit ein paar Jahren in Stuttgart lebenden Sohn zur Elternarbeit und verfügt über beste Kontakte zur hiesigen Elterngruppe. Sie ist auch sehr engagiert bei der neuen internationalen Kooperation spanisch-sprechender Länder, die auch die spanisch-sprechende Community der USA umfasst - und neuerdings auch Brasilien, obwohl man da ja portugiesisch spricht. (Frau Fischer wird auch im obigen Artikel des Stuttgarter Wochenblatts erwähnt.)
Frau Rögnvaldardottir war bereits 2007 in Hamburg zu Gast gewesen; inzwischen ist sie selbst von der Vizevorsitzenden zur Vorsitzenden aufgestiegen, die Anzahl der CSD-TeilnehmerInnen in Reykjavik stieg von 50.000 auf 70.000 (bei einer Gesamtbevölkerung von 320.000!), die Partnerschaft kann mann/frau nun auch in der Kirche eingehen, binnen eines Jahres soll es ohnehin ein Ehegesetz für alle geben - "Heteros" wie "Homos" - und seit dem 1. Februar 2009 hat Island mit seiner neuen lesbischen Ministerpräsidentin Johanna Sigurdadottir das erste homosexuelle Regierungsoberhaupt der Welt. (Sie ist seit 7 Jahren mit einer Frau verpartnert.) Eigentlich ist Homosexualität in Island kein Thema mehr, die gesetzliche und soziale Anerkennung weitestgehend erreicht - und dennoch gibt es immer noch Vorurteile und Gewalt, insbesondere unter Jugendlichen.
Die Schweizer Organisation FELS hat im Moment Schule und Elternhaus als Hauptthema im Visier und will dabei alle Eltern erreichen, nicht nur die mit homosexuellen Kindern. Sie schreiben zu dem Zweck alle Organisationen und Institutionen an, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Bei ihrem Schulprojekt, das sie gemeinsam mit LOS (der Lesben-Organisation der Schweiz) und Pink Cross (der analogen Schwulen-Organisation) betreiben, gehen anders als z.B. beim hannoverschen Schulprojekt eine Lesbe, ein Schwuler und ein Elternteil gemeinsam in die Klassen. Daran, dass das Thema angemessen in den Schulbüchern zur Sprache kommt, arbeitet man noch - und im Übrigen am Partnerschaftsrecht, das - teilweise wohl besser als das deutsche - doch noch einiger Nachbesserungen bedarf, so etwa in den Bereichen Altersvorsorge, Erbschaft und Steuer. Auch soll das Verbot der künstlichen Befruchtung und der Adoption fallen. Hier besteht sogar ein geradezu grotesker Nachteil im Vergleich zur Situation bei uns: nein, nicht nur hinsichtlich des Fehlens der Möglichkeit der Stiefkindadoption, sondern dadurch, dass Adoptionen Lesben und Schwulen nur als Einzelpersonen erlaubt sind (wie in Deutschland auch), aber - und hier ist der Unterschied! - nur solange sie nicht in einer Partnerschaft leben!

Es schloss sich eine lebhafte Diskussion mit der Möglichkeit zu Nachfragen an alle ausländischen Gäste an. - Nach dem Abendessen folgte dann das Kulturprogramm: Tiergeschichten von Manfred Kyber (so etwa "Der Kongress der Regenwürmer") und ebensolche (und auch andere Texte) von Michael Ende, vorgetragen vom Stuttgarter Schauspieler Horst Emrich, der mit seiner "kaba-reh production" offenbar vor allem mit Einpersonenstücken auftritt, und zwar nicht nur im Stuttgarter Raum, sondern bundesweit. (Näheres auf seiner Homepage www.kaba-reh.de.) - Einer der Ende-Texte widmete sich auch dem "Phänomen" des abgeschlagenen Penis bei antiken Statuen, zu dem es in der bei uns "eingebauten" Homepage des VEHN e.V. einen Aufsatz von Rainer Hoffschildt gibt. - Nach diesem kulturellen Angebot nutzten viele TeilnehmerInnen den restlichen Abend zum Vertiefen "alter" und Knüpfen neuer Kontakte.

Einziger Programmpunkt am Sonntag, dem 3. Mai, war - abgesehen von der Zusammenfassung und Verabschiedung durch die Bundesvorsitzende - die Podiumsdiskussion mit (gemäß der Sitzordnung, von links nach rechts) Manfred Bruns, Bundesanwalt a.D. und Vertreter des LSVD, Dr. Ulrich Noll MdL, Fraktionsvorsitzender der FDP im baden-württembergischen Landtag, Ute Vogt, SPD-Landesvorsitzende in Baden-Württemberg, Alexander Kotz, CDU-Stadtrat in der Landeshauptstadt Stuttgart, sowie Brigitte Lösch MdL, Bündnis 90 / Die Grünen, Vorsitzende des Sozialausschusses im baden-württembergischen Landtag. Ansgar F. Dittmar, Bundesvorsitzender der Schwusos in der SPD, fungierte als Moderator. Nur dieser und die Herren Bruns und Kotz waren "Selbstbetroffene" - anders als bei der Hamburger Runde in 2007. So meinte z.B. Dr. Noll, er, der heterosexuelle mehrfache Großvater, habe ganz bewusst nicht "einen betroffenen Kollegen hergeschickt", sondern sei in seiner Eigenschaft als Fraktionsvorsitzender selbst gekommen. Seine Partei wäre bereits viel weiter vorangegangen in Sachen Gleichstellung, wenn sie nicht auf die Koalitionsraison Rücksicht nehmen müsse. Das sei zwar im Prinzip richtig, aber auch unterhalb dessen, was "koalitionsrelevant" sei, könnten die FDP-Fachminister mehr tun als sie bisher gezeigt hätten, wurde ihm entgegengehalten.
Alle Diskutanten treten für Fortschritte in Bezug auf die rechtliche Gleichstellung ein, doch hat es Kotz dabei in seiner Partei besonders schwer, seine Parteifreunde zu überzeugen. Als verpartnerter und bekennender Schwuler bringt er allerdings seine konservativen Parteifreunde im persönlichen Umfeld fortwährend "auf seinen Kurs". Als Handwerksmeister und Vorsitzender seiner Innung stellt dies für ihn inzwischen kein Problem mehr dar. Abgesehen von derartigen lokalen Besonderheiten ist die Union von einer Gleichstellungspolitik noch am weitesten entfernt - so auch gerade im Gastland des diesjährigen Bundeselterntreffens: Homosexuellen Paaren bleibt zum Beispiel hier in Baden-Württemberg weiterhin das Standesamt verwehrt, um Ihre Verpartnerung eintragen zu lassen. Ute Vogt hob hervor, dass die SPD als erste und bis dato einzige Partei zum Zeitpunkt der Tagung einen einzigen wichtigen Satz im Wahlprogramm stehen habe: "Eingetragene gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften werden wir mit der Ehe gleichstellen - Punkt." Dem gab es wenig hinzuzufügen. Ähnliches ist von FDP und Grünen in ihren Programmen zur Bundestagswahl zu erwarten. Bruns meinte abschließend, dass erhebliche gesellschaftliche Fortschritte in den letzten Jahren durchaus erkennbar seien und dass er es noch zu erleben hoffe, dass das eine oder andere heute noch bestehende Problem schon in den nächsten Jahren gelöst werden würde.

In ihrer Zusammenfassung und Verabschiedung meinte die Bundesvorsitzende, dass in diesen drei Tagen in Stuttgart viel Vertrauen unter bisher einander Fremden entstanden sei. Es sei noch zu klären, welche Elterngruppe das nächste Seminar im kommenden Jahr ausrichten würde; das nächste Bundeselterntreffen in zwei Jahren werde aber wohl wieder in Berlin stattfinden. - Nun befindet sich das Tagungsheft von 2009 in Vorbereitung, das redaktionell wieder von unserem Internetredakteur der HuK Hannover erstellt werden wird.

Text: Dr. Bernd König